"Gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien im Rahmen von NEUSTART KULTUR“

"Trommeln, Archaisch, uralt und neu" 

Teil 1

Der Mensch sehnt sich nach Rhythmus. Ein Film von Katharina Dustmann, über die Entwicklung von Rhythmus und der Einzug der Trommel in die Europäische Musikkultur.

 

 

 

 

"Trommeln, Archaisch, uralt und neu" 

Teil 2

Die Rahmentrommel der Schamanen. Mythologie, Archetypen und Phänomene

 

 

 

 

"Trommeln, Archaisch, uralt und neu" 

Teil 3

Die Entwicklung der Trommel und ihr Einzug in die Musik

 

„Trommeln, archaisch, uralt und neu“

Von Katharina Dustmann 

 

Teil 4

 

Der Blick auf internationale Entwicklungen
Die Musik diente in Europa vorerst zur Unterhaltung des Volkes, auf Festen, zum Tanz und bei der Arbeit. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit orientierte man sich im deutschsprachigen Raum, musikalisch sehr zögerlich an den internationalen Entwicklungen. Auf Grund der immer noch starken Verwendung der Trommel in den heidnischen Ritualen, wurde sie von der Kirche vielerorts nicht als Musikinstrument anerkannt. Man nannte sie noch lange „Teufelszeug“ und brachte sie mit der Hölle, Weltlichkeit und Unsittlichkeit in Verbindung. Es hieß: „Die Ordnung unserer heiligen Musik, ist fest gegründet, schon von Anfang an, sie braucht keine Neuerung.“ Als eine der wichtigsten Darstellung in der mittelalterlichen Instrumentenkunde gilt sicher das von Maestro Mateo bis 1188 erstellte Kunstwerk, am „Pórtico de la Gloria“ außerhalb der Kathedrale von Santiago de Compostela.  Man erkennt darauf 24 Musiker mit ihren Instrumenten, darunter auch 2 Trommler. Es scheint als würden sie dort mit einer Rahmentrommel und einer Vasentrommel den Takt angeben. Wenn man davor steht, scheint es als höre man die Klänge einer lang vergangenen Zeit.
Auch im Inneren des Kölner Doms gibt es Darstellungen einer Gruppe musizierender Engel von 1248. Ein „Engelskonzert" im Kirchenraum war damals eher ungewöhnlich und damit Ausdruck eines neuen Weltbildes, das von höfisch-weltlichen Elementen geprägt war. Die Trommel sieht man hier allerdings nur, auf der Rückseite eines Stuhls, gespielt von einem Teufel bei einem Festmahl. Sicher waren die Künstler dieser damals außergewöhnlichen Darstellungen, durch die Erzählungen und Mitbringsel der Rückkehrer von den damals herrschenden Kreuzzügen inspiriert.

Handschriften
Die meisten Verfasser der Instrumentenkunde in Europa ließen die Trommel erstmal weitgehend außer Acht, es gibt nur wenige Berichte über den Einsatz von Einhandtrommeln die mit einem Schlägel gespielt wurden, wodurch die zweite Hand frei für das Spiel mit einer Flöte war.  

Einige erste Hinweise zum Einsatz von Schlaginstrumenten in der Kunstmusik findet man in den Handschriften von Sebastian Virdung von 1465 „Musica getutscht und außgezogen“ und Thoinot Arbeau (1519-1595) hat zu seinen Tanzangaben auch einige Rhythmen ausgeschrieben. Später dann noch etwas ausführlicher von Michael Praetorius, (1571-1621), mit dem  „Syntagma Musicum“ und Praetorius, Michael: Soldaten Trummeln, Schweitzer Pfeifflin. Dort findet man neben detaillierten Angaben über den Einsatz, auch Auskunft über die Beschaffenheit einer Vielzahl an Percussionsinstrumenten. – "von den metallen oder ander clingenden materialien“, wie er sie nannte.
Besonders zur Reformation wurde man offener und es bildete sich allmählich ein eigenständiges Repertoire heraus. Es findet sich in den damaligen Handschriften – wie im Emmeram Codex, dem Lochamer-Liederbuch oder den sieben Trienter Codices – eine große Zahl von Stücken burgundischer, italienischer und englischer Herkunft. Immer mehr Musiker bedienten sich dieser "fremden Musik“ ausländischer Komponisten und wurden an deutschen Höfen und in den ersten Kapellen angestellt. Im Bereich der instrumentalen Musik spielte Deutschland in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts sogar eine international anerkannte Vorreiterrolle. 1532–1594 erlangte die Münchner Hofkapelle unter Orlando di Lasso internationales Renomme. Lasso bediente sich aller damals existierenden Gattungen und wagte sich auch an experimentelle Musik. Er schrieb, „Bei den Villanellen und Moresken sind Schellenbänder und Handtrommeln bei Bedarf zu nutzen.“
Jedoch gab es für die Trommler auch weiterhin keine Notation oder genaue Besetzungsangaben und die musikalische Überlieferung fand eher auf der mündlichen und musizierenden Basis statt. So blieb und bleibt es also, zur Freude oder Leid, wohl Aufgabe der Fantasie des Ausführenden, sich Rhythmen, Verzierungen und Improvisationen, zu der sonst schon oft ausgeschriebenen Musik auszudenken.  


Im Zuge der Türkenmode im 18. Jahrhundert
Die Musik der Janitscharen, war ursprünglich die Militärmusik der Osmanen. Gespielt wurde sie von der „Mehterhâne“, der Kapelle des Sultans. Mit Schellenbaum, großen Gefäßtrommeln, Pauken, Becken, Triangel, und Schellentrommeln betäubten sie einerseits die Furcht der eigenen Soldaten und erschreckten die Feinde schon von weitem mit einem martialischem Lärm.
Durch die Türkenkriege im Jahre 1453 hatten die sogenannten Lärminstrumente zunächst den Einzug in die Militärmusikchöre der österreichischen Armee, dann in die Heere anderer Staaten und später fanden sie auch in unseren Theatern ihren Platz und große Begeisterung.
Im 16. Und 17. Jahrhundert wurden Trompeter mit Paukenbegleitung sehr hoch angesehen, sie hatten nicht nur eine eigene Zunft, sondern hohe Dienstgrade, und eine geschützte Berufsbezeichnung. Die Pfeifer und Trommler galten dagegen eher als Laienmusiker.
Später kam, auch aus dem militärischen Bereich, die Kleine Trommel mit Schnarrmechanismus hinzu. Zusammen mit der großen Trommel, Triangel und Becken, schafften sie im Zuge der Türkenmode im 18. Jahrhundert endgültig den Weg ins Orchester.
Jean-Baptiste Lully ließ sich 1673 für seine Bühnenmusik zu „Der Bürger als Edelmann“ von einer Janitscharenkapelle inspirieren, die mit einer Gesandtschaft nach Paris gekommen war.
Wolfgang Amadeus Mozarts Oper „Die Entführung aus dem Serail“ von 1782 ist das vollkommene Werk einer Janitscharenmusik.
Doch diese klassischen Komponisten waren nicht die ersten, die sie einsetzten. Wie Henry George Farmer berichtet:
„Das Verdienst, diese Batterie von Schlagzeugen und (Gehirn)Erschütterungen in Europa eingeführt zu haben, gebührt Polen, das in den 1720er Jahren eine vollständige türkische Kapelle vom Sultan erhalten hatte. Russland, das sich nicht ausstechen lassen wollte, suchte 1725 nach einem gleichen Gunstbeweis bei der Hohen Pforte. Preußen und Österreich folgten, und in den 1770er Jahren waren die meisten der anderen Ländern auch unter den Einfluss der Janitscharenmusik geraten.“
Der Import von Musikern hielt nicht lange an, später brachte man die türkischen Instrumente in die europäischen Militärkapellen, übergab sie ihren extra schwarz geschminkten Musikern und steckten diese auch in exotische Gewänder. Auch die Türkenoper wurde mit orientalischen Klängen, als ein beliebtes Operngenre hauptsächlich im 18. Jahrhundert, auf europäische Bühnen gebracht.
Im späten 19. Jahrhundert war es dann endlich möglich, einen freien Gebrauch von Musik mit Basstrommel, Triangel und Becken zu komponieren ohne eine türkische Atmosphäre in sinfonischen Kompositionen zu spüren. So sind langfristig die türkischen Percussionsinstrumente das Geschenk der türkischen Militärmusiktradition an die westliche klassische Musik. Der Gebrauch der Benennung, „Türkische Abteilung“, für die Schlagzeuggruppe eines Orchesters, hielt sich noch bis heute.

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© Katharina Dustmann